Veröffentlicht am

Andrea Malter

Mit klarer Entschlusskraft ist sie zum Pflegeberuf gekommen, mit Standhaftigkeit und trotzigem Kampfgeist dabeigeblieben. Doch besonders geschätzt wird sie vor allem für ihr außergewöhnliches Mitgefühl und ihre Empathie.

Wenn der Berufswunsch unverrückbar feststeht

Bereits als Fünfjährige hatte sie Thermometer und Pflaster immer dabei. Für Andrea Malter stand schon damals ihr Berufswunsch fest. Als sie bei der Mittleren Reife dann einen Durchschnitt von 1,4 hatte, versuchten ihre Lehrer sie zwar noch zum Abitur umzustimmen. „Wozu“, hatte Andrea Malter entgegnet, „schließlich will ich nicht Ärztin werden, sondern in die Pflege!“

Eigentlich plante sie ja, ihre Ausbildung in Offenbach zu machen, ihrer Heimatstadt. Doch die Schwester beim Vorstellungsgespräch meinte, bloß in die Pflege zu wollen, sei nicht Grund genug, bei ihnen anzufangen, und ob sie nicht ohnehin ein wenig zierlich sei. Davon ließ sich Andrea Malter nicht aufhalten. Und tatsächlich: An der Uniklinik in Frankfurt sah man sie anders. Also begann sie dort ihre Ausbildung, im April 1986.

Besondere Empathie findet sie nichts Besonderes

Sie erinnert sich noch genau: In den ersten Monaten ihrer Ausbildung waren sie vier Schwestern und zwei Schülerinnen im Frühdienst gewesen, unglaublich gut besetzt, für heutige Verhältnisse. Und dann war da dieser eine Patient, der alle fünf Minuten klingelte, den ganzen Morgen lang. Mittags war er tot. Sein Klingeln war ein Zeichen dafür, dass er beim Sterben einfach nicht alleine sein wollte. „Das hat sich dann wohl erledigt“, meinte eine Schwester. Und als sie in das entsetzte Gesicht von Andrea Malter sah, fügte sie hinzu: „Daran gewöhnst du dich noch.“ In diesem Moment schwor sich die junge Pflegeschülerin, dass sie der Schwester diesen Gefallen nicht tun würde: Nie würde sie sich dagegen abhärten.

Heute sagen die Patienten zu Andrea Malter, sie sei ein Engel. Dabei hört sie doch nur zu, hält die Hand, ist einfach da. Für Andrea Malter sind Mitgefühl und Empathie eine natürliche Sache: „So bin ich, ich kann nicht anders.“ Sie ist aber auch der Meinung, dass eigentlich jeder empathisch sein kann, nur lässt diese Gefühle nicht jeder zu.

Weitermachen, allen Ärzten zum Trotz

Im Jahr 1996 wechselte Andrea Malter zur Diakoniestation Offenbach. Sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr in ihrem Beruf. Doch dann kamen die Schmerzen, unerträgliche Schmerzen in den Sehnen und Muskeln. Viele Untersuchungen später stand die Diagnose fest: Fibromyalgie. Die Ärzte rieten ihr, den Pflegeberuf aufzugeben, wollten sie berenten – mit gerade mal 35. Ein paar Jahre gaben sie ihr, dann sitze sie im Rollstuhl. Für Andrea Malter brach eine Welt zusammen. Auf stundenlanges Weinen folgte eine robuste Lebenskrise. „Ohne die Pflege bin ich nicht ich!“ war sie überzeugt.

Zum Glück hatte sie in dieser Zeit gute Psychologen: Zwar schlugen die verschriebenen Schmerzmittel kaum an; die meditativen Entspannungstechniken, die sie in der Reha lernte, halfen dagegen umso mehr. Als einmal jedoch auch diese keine Erleichterung brachten, die Schmerzen nicht mehr auszuhalten waren, da betete sie – und war daraufhin stundenlang schmerzfrei, so lange wie selten. Irgendwie gläubig war Andrea Malter auch schon vor ihrer Krankheit gewesen, aber seither ist ihr Glaube noch stärker geworden. Jedenfalls hat sie immer weitergemacht, kämpfte sich sogar wieder zurück in den Beruf. „Ich hab mich nicht unterkriegen lassen, allen Ärzten zum Trotz“, sagt sie ein wenig stolz.

Auch krank so lange wie möglich in der Pflege bleiben

Heute lebt und arbeitet sie gut, auch mit ihrer Krankheit. Klar, sie ist langsamer geworden, „Ich kann eben nur noch 90 Prozent geben statt wie früher 200.“ Und klar, an manchen Tagen ist ihr die wuchtige Tasche zu schwer, manchmal sogar der Schlüsselbund in der Tasche – sie hat gelernt, auf solche Signale ihres Körpers zu achten. Dann macht sie kurze Pausen, ihre autogene Übung geht nur drei Minuten. Oder sie bittet ihr Team um Hilfe. „Ich habe Schmerzen, ob mit oder ohne Arbeit“, meint sie abgeklärt. Krankgeschrieben ist sie allerdings nur, wenn sie eine Grippe hat.

Trotzdem: Sie muss jeden Tag nehmen, wie er kommt, und sie weiß nicht, wie lange sie noch so weitermachen kann. Deshalb hat sie sich auch 2011 zur Pflegeberaterin ausbilden lassen: Angehörige in Sachen Lagerung fortbilden kann sie nämlich auch dann noch, wenn sie selbst niemanden mehr lagern kann. „Gleichzeitig ist es mir wichtig, weiterhin auch pflegerische Arbeit zu machen, solange es eben geht“, sagt sie, und ihre entschiedene Stimme lässt ahnen, wie fest dieser Entschluss für Andrea Malter steht.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Andrea Malter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.