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Annegret Mittelbach

Annegret Mittelbach zeigt besondere professionelle Empathie in der Begleitung und Pflege von Menschen. Dabei ist sie zu außerordentlichem Kraft- und Zeiteinsatz bereit und bleibt selbst in der Trauerarbeit äußerst hoffnungsvoll.

Wie aus der älteren Schwester eine Krankenschwester wurde

Der Tod begleitet sie schon lange. Als ihr Vater starb, war Annegret Mittelbach gerade einmal vierzehn Jahre alt. Sie, die Ältere von fünf Geschwistern, war plötzlich „die Große“, so sagte man ihr. Sie hatte sich also schon früh um andere kümmern müssen, als sie zum ersten Mal ein Buch von Helen D. Boylston in die Hand bekam. Was sie las, faszinierte sie: Wie die Romanheldin eine Krankenschwester wurde, wie sie Menschen helfen und unterstützen konnte. Etwas kam in ihr zum Schwingen. Sie entschied: Mein Weg führt in die Krankenpflege.

Ihre Ausbildung machte sie im katholischen Marienkrankenhaus in Siegen. Tief geprägt wurde sie von einigen Ordensschwestern – von ihrer selbstlosen, dienenden Haltung und ihrem Wunsch, für die Patienten ganz und gar Schwester zu sein: also für sie da sein, wenn die eigene Familie es nicht war. Dieses Anliegen nahm sich Annegret Mittelbach zum Vorbild. So wurde aus der älteren Schwester Annegret eine Krankenschwester.

Begleiten bis an die Grenzen der Kräfte

Nach Jahren in der Chirurgie kam für Annegret Mittelbach die Babypause. Als ihr Jüngster fünf Jahre alt war, erzählten ihr Freunde, dass das örtliche Säuglingsheim aufgelöst werde und man Familien für die Bereitschaftspflege suche. Die Mittelbachs meldeten sich. In den folgenden zehn Jahren nahmen sie Neugeborene und Babys in ihrem Zuhause auf, Kinder aus schwierigen Verhältnissen: Drogen, Alkohol, Gewalt. Oft kamen sie direkt aus dem Krankenhaus. Ein Baby kam aus dem Gefängnis. Es dauerte ein halbes Jahr, bis es zum ersten Mal lachte.

Annegret Mittelbach war immer im Dienst, Tag und Nacht: Fläschchen geben und Windeln wechseln bei manchmal drei Säuglingen zur selben Zeit. Dazu kam die emotionale Belastung: Sie schloss ein Kind ins Herz, wollte es mit ihrer Liebe locken, sich wieder aufs Leben einzulassen – und musste es nach einigen Monaten doch wieder abgeben. So ging das fünfunddreißigmal. Als schließlich ein Frühchen zu ihr kam, die Lungen des kleinen Jungen immer wieder versagten, er mit dem Tod kämpfte, noch bevor sein Leben wirklich begonnen hatte, da kam Annegret Mittelbach an die Grenzen ihrer Kräfte. Dann lieber noch Sterbende am Ende eines langen Lebens begleiten, dachte sie. Jedenfalls: weiter Wegbegleiterin für die Schwachen sein, das war ihr wichtig.

Wenn der Tod selbstverständlich und das Leben zum Geschenk wird

So kam sie ins Hospiz Kassel. Mit sechs Betten für „Gäste“, wie man die Bewohner hier nennt, ist es ein familiäres Haus. Seit zehn Jahren ist Annegret Mittelbach hier nun Pflegefachkraft. Die Kollegen schätzen an ihr, wie empathisch sie den Gästen begegnet. Doch Empathie, das heißt für sie nicht größtmögliche Nähe zu einem Gast – es braucht auch eine gesunde Distanz: Ich muss anerkennen, mein Erleben ist keineswegs deckungsgleich mit dem Erleben des Gastes; was ich fühle, darf ich dem Gast nicht überstülpen. Das hat sie bei ihrer Ausbildung zur Trauerbegleiterin gelernt. Jetzt hat sie ein Trauercafé eröffnet, bei dem sich Angehörige treffen, um sich austauschen und sagen zu können, was in einer schnelllebigen Gesellschaft kaum mehr möglich ist: Auch nach einem halben Jahr vermisse ich ihn immer noch!

Annegret Mittelbach ist ein hoffnungsvoller Mensch. Denn auch wenn sie immer wieder mit dem Tod konfrontiert wird, manchmal mit ihm tagelang hadert, so findet sie in ihrem christlichen Glauben dennoch Hoffnung: Der Tod ist nicht das Ende – das Leben geht danach weiter, nur dann ohne Leid und ohne Schmerz. Außerdem macht sie die Erfahrung, dass viele Sterbende ebenso eine Hoffnung in sich tragen; eine, die vielleicht verschüttet ist, die aber zum Vorschein kommen kann in der Zeit des Sterbens. Und wenn Annegret Mittelbach dann zu Hause bei ihrer Familie ist und das Enkelkind in den Armen hält, dann merkt sie: Der Tod ist für sie zwar selbstverständlich geworden, das Leben aber erscheint ihr als ein umso wertvolleres Geschenk.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Annegret Mittelbach

Ein Gedanke zu „Annegret Mittelbach

  1. Stimmt alles so wie beschrieben. Anne ist bewundernswert. Eine starke Frau und mit Freude bei ihrer Bestimmung für andere Menschen da zu sein.

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