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Margarete Mackenroth

Margarete Mackenroth trägt gerne Verantwortung und legt Wert auf selbstbestimmte Arbeit. Das Wohl der Heimbewohner stand für sie an erster Stelle, und auch für ihr Mitarbeitenden-Team setzte sie sich ein.


Das 10. Kind in der Familie

Margarete Mackenroth war das Nesthäkchen, das jüngste von zehn Kindern. Zwischen ihr und ihrer ältesten Schwester lagen 20 Jahre Altersunterschied. Als die Jüngste hatte sie viele Freiheiten in der Familie, die meisten Kämpfe hatten die Geschwister ja schon ausgefochten. Nur ihren Traumberuf, den konnte sie dennoch nicht ergreifen. „Ich wollte Krankenschwester werden, aber die Ausbildung durfte man erst mit 16 beginnen, und meine Eltern wollten, dass wir Kinder schnell mithelfen und Geld verdienen“, erinnert sie sich an ihre Jugend. Also begann sie zunächst eine Ausbildung als Damenschneiderin. Ein schöner Beruf, aber Erfüllung fand Margarete Mackenroth darin nicht. Sie heiratete früh, bekam zwei Kinder und baute mit ihrem Mann eigenhändig ein Haus in Witzenhausen-Gertenbach. Später, als die Kinder groß waren, arbeitete Margarete Mackenroth in einer nahen Papierfabrik im kaufmännischen Bereich. Doch der ursprüngliche Berufswunsch blieb: „Es hat mich immer geärgert, dass ich nicht Krankenschwester werden konnte.“

Als ihr Sohn ankündigte, studieren zu wollen, ergriff sie die Initiative. „Wir wollten ihm das Studium ermöglichen, aber mit unseren bisherigen Gehältern wäre das nicht gegangen“, sagt sie. Also schrieb sie sich in Eschwege beim Institut für Erwachsenenbildung ein und ließ sich zur examinierten Altenpflegerin ausbilden. „Ich hatte immer schon einen guten Draht zu älteren Menschen“, sagt Margarete Mackenroth. Sie war 39 Jahre, als sie endlich ihren Traum von einem Pflegeberuf verwirklichen konnte.

Erste Stelle in einem Krankenhaus

Doch wie so oft bei Träumen folgte die Ernüchterung schnell. In einem Krankenhaus in Hannoversch Münden übernahm sie ihre erste Stelle als Altenpflegerin, „doch was ich in der Ausbildung gelernt hatte, konnte ich dort nicht umsetzen.“ Oftmals wurde sie ins kalte Wasser geworfen, und die Disharmonie im Team missfiel ihr. Sie wechselte die Stelle, arbeitete später in Altenheimen in Hannoversch Münden und Göttingen unter anderem als Wohnbereichsleiterin. Eine Arbeit, die ihr mehr Freude machte und für die sie auch Anerkennung erhielt. Doch Margarete Mackenroth wollte weiterkommen. Neben ihrer Anstellung in Göttingen bildete sie sich daher abends in Kassel noch zusätzlich zur Pflegedienstleiterin weiter.

Schöne und intensive Zeit

In Kassel trat sie auch ihre erste Stelle als Pflegedienstleiterin an. Im Luisenhaus, einem Altenheim, wo sie sich gut mit der Heimleiterin verstand, blieb sie ein paar Jahre. Als sie 2002 dann ins Evangelisch-Lutherische Gertrudenstift in Baunatal wechselte, hatte sie „endlich das Gefühl, angekommen zu sein“, sagt sie. Elf Jahre blieb Margarete Mackenroth dort, und sie beschreibt die Zeit „als die schönste und intensivste“ in ihrem Berufsleben. „Ich konnte sehr selbstständig arbeiten und entscheiden und fand Unterstützung auch beim Vorstand“, berichtet sie. Margarete Mackenroth fing in Baunatal als Pflegedienstleiterin an, doch schon 2005 übernahm sie die Heimleitung. Das Gertrudenstift ist ein großes Haus. „Ich war verantwortlich für 99 Bewohner*innen sowie 85 Mitarbeitende.“ Den pflegerischen Kontakt zu den Heimbewohner*innen und ihrem Team wollte sie auch als Heimleiterin nicht missen. „Ich wollte nicht nur im wirtschaftlichen Bereich und im Büro arbeiten“, betont sie. Nach wie vor übernahm sie sehr gerne pflegerische Tätigkeiten und war bei allen Schulungen ihrer Mitarbeitenden dabei.

In diese Zeit fiel der Neubau des Gertrudenstifts. Als Leiterin der Einrichtung war Margarete Mackenroth in Planungs- und Baufragen involviert, führte Gespräche mit den Architekt*innen, sorgte dafür, dass die Bauarbeiten vorangingen. Die Heimleitung „war kein Achtstundenjob oder eine Tätigkeit nach der Uhr“, sagt sie. Oft wurde es später. „Ohne meine Familie, die mir immer den Rücken freigehalten hat, wäre das nicht gegangen. Wenn ich in den letzten Jahren abends heimkam, hatte mein Mann alle Hausarbeiten erledigt“, lobt sie die erhaltene Unterstützung.

Krebserkrankung änderte alles

„Der Neubau wurde ein großes, schönes, helles Haus“, sagt Margarete Mackenroth. Doch als später eine weitere Baumaßnahme folgen sollte, entschied sie sich 2013 für einen frühen Abschied in die Rentenzeit. „Ich wollte Luft holen, nichts anfangen, was ich nicht würde beenden können.“ Ein*e Nachfolger*in sollte diese Aufgabe übernehmen, fand sie. „Ich habe das Haus verlassen, als es gut dastand. Ich bin nach einem Erfolg, ohne negative Schwingungen gegangen“, betont sie.

Sie war erst 63 Jahre alt, wollte reisen, mit Ehemann und Familie mehr Zeit verbringen. Doch es kam anders. Kurze Zeit später erkrankte Margarete Mackenroth an Krebs. „Das berufliche Leben war mit einem Schlag vorbei, das war alles plötzlich nicht mehr wichtig“, sagt sie. Sie orientierte sich neu. „Ich habe das erste Mal auch einmal an mich und meine Gesundheit gedacht.“

Fünf Jahre ist das nun her. Die Erkrankung hat die 69-Jährige seither erfolgreich hinter sich gelassen. Aber die Hände in den Schoß legen kann sie trotzdem nicht. Ehrenamtlich engagiert sie sich heute für die Witzenhäuser Tafel, hält Kontakt zum Seniorenbeirat, und in ihrem Stadtteil Gertenbach hat sie die Leitung des Seniorenkreises übernommen.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Margarete Mackenroth

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Sigrid Giesen

Sigrid Giesen wurde initiativ, um hilfsbedürftige Jugendliche und pflegebedürftige alte Menschen zu unterstützen. Berufliches und privates Engagement gehen bei ihr Hand in Hand. Sie hat ihre Vorstellung von einem würdevollen, gemeinschaftlichen Leben im Alter in die Tat umgesetzt.


Früh für die Pflege entschieden

Eigentlich hat sich Sigrid Giesen vorgenommen, mit fast 70 Jahren mal kürzer zu treten. Vielleicht einfach nur die Wohnung in ihrem Haus in Malsfeld-Beiseförth zu genießen, morgens auszuschlafen, statt Nachtdienste zu übernehmen, mal entspannt im Garten zu arbeiten oder mit Bewohner*innen am Mittagstisch zu sitzen. Kurz, sich wie eine Bewohnerin in ihrem eigenen Altenheim zu fühlen. Aber daraus wird wohl nichts. „Ich glaube, das funktioniert nicht“, lacht sie. „Meine Eltern hatten eine Landwirtschaft. Ich habe schon als Kind zwölf Stunden am Tag gearbeitet.“ Nichts tun, das passt nicht so recht zu dieser Frau, die nie Feierabend gemacht hat, nie einen Achtstundentag hatte, um danach das private Leben getrennt vom beruflichen zu genießen.

Schon mit 17 Jahren entschied sich Sigrid Giesen, die in Kierspe in der Nähe von Lüdenscheid aufwuchs, für die Pflege. Ursprünglich wollte sie Zahnarzthelferin werden, doch ihr Vater intervenierte. „Vermutlich, weil er Angst vorm Zahnarzt hatte“, scherzt sie heute. Sie wurde stattdessen examinierte Krankenschwester, arbeitete ein paar Jahre als Schwester und stellvertretende Stationsleiterin auf der Inneren Station in Wetzlar, später als Stationsleitung in Gevelsberg, und sie betreute auch ihre Mutter, als diese schwer erkrankte. Die Pflege, sagt sie, „hat mir immer Freude gemacht, und ich habe immer gerne junge Leute angeleitet, um ihnen das Gespür und den Sinn für diesen Beruf zu vermitteln.“

Das etwas andere Altersheim

Als junge Frau verbrachte Sigrid Giesen ein halbes Jahr in Spanien, unweit von Valencia. Sechs Monate Missionsarbeit in einem Freizeitheim. Sie half in der Küche mit. Christliche Arbeit war ihr wichtig, aber das Praktische lag ihr mehr als die Theorie. „Vorleben ist besser als reden“, sagt sie. Sie träumte davon, bis zu ihrem 30. Geburtstag Mutter eines SOS-Kinderdorfes zu sein. Doch daraus wurde nichts. Sie lernte ihren heutigen Ex-Mann kennen, bekam drei Kinder und kaufte mit ihm und einem Freund ein großes Haus in Malsfeld-Beiseförth. Statt ein SOS-Kinderdorf zu leiten, verwirklichten sie dort ihre eigene Vorstellung von einem sozialen Hilfsprojekt. Sie bauten eine Wohn- und Lebensgemeinschaft auf, die zunächst Jugendliche zurück in den Alltag begleitete und heute alte Menschen pflegt.

Sigrid Giesen gründete den „Verein Praktischer Lebenshilfe“, der mit der Betreuung von zwei, drei Jugendlichen begann und heute „ein etwas anderes Altenheim“ unterhält. Es begann mit zwei Kurzzeitpflegeplätzen für ältere Menschen, damit „die Angehörigen mal in Urlaub fahren konnten“. Als 1996 die Pflegeversicherung eingeführt wurde, erweiterte der Verein das Haus und bot auch vier vollstationäre Pflegeplätze an. Sigrid Giesen arbeitete oft rund um die Uhr. Sie pflegte, kochte, kaufte ein, putzte. Immer wohnten sie und ihre Familie mit im Haus. Die Kinder liefen so manches Mal nebenher, „und ich bin dankbar, dass sie ihren Weg gefunden haben“, sagt Sigrid Giesen. Die Tochter hat ebenfalls Krankenschwester gelernt und ein Studium in Pflegemanagement absolviert.

Familiäre Einrichtung

13 Einzelzimmer beherbergt das private Heim, in dem die Bewohner*innen und das Betreuungsteam, wenn möglich, gemeinsam kochen und an einem Tisch zusammen essen. „Wir sind noch immer eher eine Wohngemeinschaft denn ein Altenheim. Eine kleine, familiäre Einrichtung“, betont die 68-Jährige Mitbegründerin und Miteigentümerin. 17 Beschäftigte arbeiten hier in Teil- und Vollzeit, und seit Neuestem gibt es auch eine Begegnungsstätte, in der sich Mitglieder der Kirchengemeinde, Senioren, Haus- und Dorfbewohner*innen nachmittags treffen. „Das läuft gut und ist eine schöne Gemeinschaft“, findet Sigrid Giesen.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Sigrid Giesen

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Schwester Charlotte Corday

Sie war eine offene und auch weltoffene Frau. Sie hatte Verständnis für die jungen Ausbildungsschwestern und war experimentierfreudig. Sie selbst absolvierte eine Zusatzausbildung zur Hygienefachschwester. Ihre Station führte die Diakonisse mit Perfektion und christlicher Motivation.


Zwei sehr verschiedene Namensschwestern

Wer den Namen Charlotte Corday hört und im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, dem kommt als erstes vielleicht eher ein blutiges Kapitel der Revolutionsgeschichte in den Sinn denn eine friedliebende Diakonie-Schwester. Charlotte Corday hieß eine Adlige aus der Normandie, die 1793 während der Französischen Revolution den radikalen Politiker Jean Paul Marat tötete und kurz nach ihrem Attentat selbst guillotiniert wurde. Eine Namensgleichheit, erinnert sich Weggefährtin Wilma Grieser, die Charlotte Corday sehr wohl kannte und bewusst war. Doch der Unterschied zu der berühmten Namensschwester hätte kaum größer sein können. Charlotte Corday, die dieser Tage 89 Jahre geworden wäre, widmete ihr Leben ihren Mitmenschen. Diakonisse und Krankenschwester zu sein „war ihre Bestimmung“, sagt Wilma Grieser, die 1969 als Pflegehelferin auf die chirurgische Station kam, die Schwester Charlotte leitete. „Da war ich gerade 17 und habe sehr von ihrer Ausbildung profitiert. Schwester Charlotte Corday hat uns auf alles gut vorbereitet und angeleitet. Ihre Station war perfekt geführt. Wir und die Patientinnen lagen ihr sehr am Herzen“, erinnert sie sich.

Über Umwege zur Diakonissenausbildung

Charlotte Corday, die am 24. Januar 1930 in Offenbach als Tochter eines Bäckers zur Welt kam, absolvierte die Volksschule und arbeitete in den Nachkriegsjahren zunächst als Landarbeiterin in Homberg an der Ohm, später im Haushalt, Garten sowie der Blumen- und Kranzbinderei einer Gärtnerei. Auf Empfehlung einer Schulkameradin kam sie als Schwesternvorschülerin ins Konitzkystift nach Bad Nauheim, wo sie zwei Jahre unter Darmstädter Diakonissen arbeitete. Das motivierte sie, im Januar 1952 die Diakonissenausbildung im Elisabethenstift in Darmstadt zu beginnen. Sie absolvierte einen Diakonischen Kurs und die zweijährige Krankenpflegeschule und war danach im Operationssaal des Krankenhauses des Elisabethenstifts eingesetzt. Im Januar 1960 wurde Charlotte Corday zur Diakonisse eingesegnet.

Da sich Schwester Charlotte mehr Kontakt mit den Patienten wünschte, wurde sie nach einem Stationsleitungslehrgang als Stationsleitung auf die chirurgische Frauenstation versetzt. Dort wirkte sie 18 Jahre lang bis 1982. Aus gesundheitlichen Gründen orientierte sie sich um und absolvierte 1982 in Stuttgart einen Lehrgang zum Desinfektor und zur Hygienefachkraft. Elf Jahre lang arbeitete sie erfolgreich als Hygienefachkraft in den drei Klinikfachbereichen des Elisabethenstifts.

Kontaktfreudig und reiselustig

Auch die Diakonisse Schwester Susanne Werner und Petra Pförsich, Verwaltungsleiterin der Stiftung Elisabethenstift, erinnern sich daran, „dass ihr die Unterweisung der Mitarbeitenden und der Unterricht in der Kranken- und Altenpflegeschule viel Freude bereitete. „Sie hatte für alle ein offenes Ohr“, sagt Wilma Grieser, die bis zum Tod von Schwester Corday im Oktober 2016 mit ihr in Kontakt blieb. Die Diakonisse nahm die junge Frau damals unter ihre Fittiche. „Sie nahm mich ins Theater mit. Ich kam aus dem Odenwald, im Theater war ich nie gewesen“, erinnert sie sich. Auch mit den anderen Schülerinnen, den Ärzten und Schwestern hielt sie Kontakt, wurde sogar Patentante einiger Kinder. „Auf unserer Station war alles sehr familiär.“ Wilma Grieser erinnert sich noch daran, dass jeden Abend für die Patientinnen gesungen wurde.

Schon den frühen 1970er Jahren reiste Schwester Charlotte durch die Welt, etwa nach Südeuropa und Ägypten oder mit dem Greyhound Bus quer durch die USA. „Das war zu dieser Zeit wirklich eine Ausnahme“, erinnert sich Wilma Grieser bewundernd. „Schwester Charlotte war interessiert, weltoffen.“ Und doch auch erdverbunden. In Darmstadt unterhielt sie einen eigenen Schrebergarten, wohl eine Erinnerung an ihre Zeit als Landarbeiterin und Hilfe in einer Gärtnerei. Auch hier, erinnert sich Wilma Grieser schmunzelnd, war alles perfekt, „das Gemüse stand wie eine Eins.“

Grüne Damen bis zum Achtzigsten

Weggefährtinnen loben ihr vorbildliches Engagement für das Krankenhaus und die Empathie für die ihr anvertrauten Menschen. Dazu passt, dass sie 1978 die evangelische Krankenhaushilfe, die Grünen Damen, auch nach Darmstadt ins Elisabethenstift holte. Ihr war das Wohlergehen ihrer Patientinnen wichtig. Bis zu ihrem 80. Geburtstag im Jahr 2010 übernahm sie sogar selbst als ehrenamtliche Einsatzleiterin die Organisation und Betreuung der „Grünen Damen“.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Charlotte Corday

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Andrea Maetzel

Ihre Begeisterung für die Krankenpflege gibt Andrea Maetzel mit Freude im Team weiter. Immer wieder neue Aufgaben und Herausforderungen und ein ganzheitlicher Ansatz sind ihr wichtig. Vor allem aber liebt sie den Kontakt zu den Menschen.


Eine Krankenschwesterndynastie

„Schuld“ ist eigentlich Andrea Maetzels Großmutter. Sie war eine resolute Frau, die die Enkelin unter ihre Fittiche nahm. „Sie fand, ich müsste etwas Ordentliches lernen. Und das war in ihren Augen der Beruf der Krankenschwester“, erinnert sich die Darmstädterin mit einem Schmunzeln. Und so begann Andrea Maetzel nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Krankenschwester. Wie übrigens auch schon ihre Mutter, der die Großmutter ebenfalls zu diesem „ordentlichen Beruf“ geraten hatte. Krankenschwester zu sein gehört also zur Familientradition. „Ich habe jedoch auch schnell gemerkt, dass der Beruf wirklich zu mir passt und mir Spaß macht“, betont die 53-Jährige. So ganz allein an der Großmutter lag es demnach nicht, dass die junge Frau damals eine Ausbildung in den Städtischen Kliniken der südhessischen Universitätsstadt begann.

30 Jahre ist das mittlerweile her, und seither hat Andrea Maetzel in vielen Bereichen der Krankenpflege gearbeitet. Nach der Ausbildung in Darmstadt wechselte sie ins Universitätsklinikum nach Frankfurt und nach der Geburt ihres Kindes ins Elisabethenstift, zurück in ihre Heimatstadt. „Eigentlich wollte ich da nur zwei Jahre bleiben, doch heute sind es bereits 25“, sagt sie und lacht.

Immer neue Herausforderungen

Andrea Maetzel hat im Laufe ihres Berufslebens zahlreiche Aufgabenbereiche durchlaufen: Sie war Stationsleitung in der Geriatrie, arbeitete als stellvertretende Bereichsleitung in der Inneren Medizin und auf der interdisziplinären Station, um dann als fachliche Leitung in den Homecare-Bereich zu wechseln, wo es um die Versorgung von Patient(inn)en mit Hilfs- und Pflegemitteln ging. „Ein sehr hilfreicher Blick von außen“, sagt sie im Nachhinein. Fast zehn Jahre kümmert sie sich im Sozialdienst des Elisabethenstifts um die Nachversorgung der Patient(inn)en, wenn es um Fragen der Pflegeversicherung oder der Hilfsmittel ging, um die Suche nach Pflegediensten und darum, Plätze in der Kurzzeitpflege oder der Reha zu vermitteln.

Seit Mai 2018 ist sie Referentin für Pflegequalität und arbeitet der Pflegedirektion zu. Andrea Maetzel ist auf den 16 Stationen des Elisabethenstifts als Pflegeberaterin und Wundtherapeutin unterwegs, sie betreut Kranke mit chronischen Wunden und berät die Pflegeteams und Ärzte, wie solche Wunden am besten versorgt und wie die Patient(inn)en am besten gepflegt und gelagert werden sollten. Außerdem ist die 53-Jährige für den Einsatz der EDV in der Pflege zuständig. Sie schult das Personal und gibt Kurse zur elektronischen Eingabe von Patienteninformationen ins Datensystem des Krankenhauses, damit Befunde, Laborergebnisse, Röntgenaufnahmen oder Pflegedokumentationen jederzeit abrufbar sind.

Die Menschen begleiten

Ihre jahrzehntelange Arbeit mit Pflegebedürftigen und Kranken hat Andrea Maetzel nie als Belastung empfunden, sondern als Bereicherung, weil sie helfen konnte. „Ich fand es immer berührend zu sehen, was die Menschen zurückgeben. Mir sind viele Patienten im Gedächtnis geblieben“, sagt sie. Dabei weiß sie genau, was Arbeitsverdichtung im Gesundheitssystem bedeutet. Als sie als junge Krankenschwester auf Station arbeitete, betreuten sie zu siebt rund 26 Patienten in der Frühschicht. Heute liegt das Betreuungsverhältnis deutlich höher. Die Rahmenbedingungen sind schwieriger, weiß sie. Der Mensch und Patient wird nicht oder oft nur noch eingeschränkt als Ganzes gesehen. Das versucht sie zu ändern und den Betroffenen ihre Beratung, Hilfe und ihr Wissen aus 30 Jahren Pflege angedeihen zu lassen. Ihr Ziel ist es, die Menschen in besonderen Situationen zu unterstützen und auf ihrem Weg zu begleiten.

Begeisterung ist geblieben

Die Begeisterung für ihren Beruf hat sie sich in all den Jahren bewahrt. Bei Beratungen auf den Stationen freut sie sich, wenn sie ihre Erfahrung weitergeben kann. Offenbar wirkt das auch daheim: Ihre Stieftochter hat nämlich auch eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und wartet jetzt darauf, ein Medizinstudium beginnen zu können. Das Arbeitsfeld bleibt also in der Familie.

Geschrieben von Astrid Ludwig.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Andrea Maetzel

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Schwester Ingeborg Pungs

Die Mitarbeit in der Kinder- und Jugendarbeit und später in der Kranken- und Altenpflege war für sie selbstverständlich. Weil sie von Jesus Hilfe erfahren habe, sagte sie, war es ihr sehnlichster Wunsch, anderen Menschen in ihren Nöten beizustehen und zu helfen – selbst als die eigenen Kräfte nachließen. Wegbegleiterinnen und Gefährten beschreiben sie als kompetent, engagiert und humorvoll. Als Oberin und Pflegedienstleiterin wirkte sie in vielen diakonischen Aufgabenfeldern und knüpfte auch lebhaft Kontakte zu Schwestern und Brüdern außerhalb des Diakonieverbandes.

Schwieriger Start ins Leben

Ingeborg Pungs kam rund ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1938 in Rheydt zur Welt. Mit ihrem Bruder wuchs sie als Kind jedoch in Velbert auf. Der Start ins Leben war schwierig. Schon kurz nach ihrer Einschulung erkrankte Ingeborg Pungs an der damals gefürchteten Kinderlähmung. Das Poliovirus breitete sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder seuchenartig aus. Da die oftmals tödlich verlaufende Krankheit höchst ansteckend war, durfte Ingeborg Pungs längere Zeit nicht am Unterricht teilnehmen. Umso eifriger lernte sie jedoch, als sich ihr Zustand besserte. 1956 konnte sie die Schule mit der Mittleren Reife abschließen und entschied sich zunächst für eine kaufmännische Lehre.

Krieg, Kinderlähmung und die dadurch erfahrene Isolation waren prägende Einschnitte in ihrem Leben. Ingeborg Pungs suchte, so schrieb sie in ihren Aufzeichnungen, einen festen inneren Ankerpunkt. Den fand sie 1956 während einer Zeltevangelisation. „Von dieser Zeit an habe ich Halt in meinem Leben gefunden und bin froh, den Sinn, den ein Leben haben kann, erkannt zu haben“, schilderte sie das damalige Erleben.

Eintritt ins Mutterhaus

Ihre neue Heimat wurde die evangelische Gemeinde in Velbert, und hier engagierte sie sich vor allem durch Mitarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe. Es war ihr sehnlichster Wunsch, „anderen in ihren Nöten beizustehen und zu helfen.“ Am 1. August 1960 trat sie in das Diakonissen-Mutterhaus Bleibergquelle ein, und aus Ingeborg Pungs wurde Schwester Ingeborg.

Ihre Grundausbildung absolvierte sie im Mutterhaus in Velbert, 1962 kam sie nach Marburg und arbeitete zunächst in der Kassenverwaltung des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes (DGD). Ab April 1964 wurde sie in den Augusta-Krankenanstalten in Bochum zur Krankenpflegerin ausgebildet und war dort auch nach ihrem Examen in der Krankenpflege tätig. Berufsbegleitend durchlief sie in Marburg die Ausbildung zur Unterrichtsschwester und übernahm in Bochum später den Krankenpflegeunterricht. 14 Jahre lang – von 1974 bis 1988 – engagierte sie sich dort als Oberin und Pflegedienstleiterin.

Weiterentwicklung vorangetrieben

Als sich die Schwestern aus dem Bochumer Krankenhaus zurückzogen, begann für Ingeborg Pungs eine neue Ära. Ihr wurde die Leitung und Verantwortung für die Krankenpflege-Hochschule des DGD in Marburg übertragen. Eine Arbeit, die ihr, wie Weggefährt*innen berichten, viel Freude bereitete. Dort trug sie wesentlich zur fachlich guten Ausbildung und zur qualifizierten Weiterbildung in der Pflege bei. 1994 wechselte sie in die Hauptstelle des DGD, bildete sich auf der Bibelschule St. Chrischona in der Schweiz weiter und engagierte sich als Delegierte sowie stellvertretende Vorsitzende der „Evangelischen Säule“ in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland.

Acht Jahre lang, bis 2003, arbeitete sie als Oberin des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes. Während dieser Zeit trat der DGD dem DIAKONIA Weltbund bei, und Schwester Ingeborg gehörte dem Vorstand des Bundes als Stellvertreterin an, wobei sie die Anliegen der traditionellen Mutterhäuser vertrat. Wegbegleiter beschreiben sie als kompetent, engagiert und humorvoll. Begegnungen mit ihr, so erinnert sich Ulrike Döring, waren von großer Herzlichkeit geprägt und dem schnellen „Auf den Punkt kommen“ hinsichtlich der Anforderungen an die Pflegenden und die Verantwortung der christlichen Verbände für deren gute Aus- und Weiterbildung.

An ihren „spontanen Humor“ erinnert sich auch Dr. Michael Gerhard, Geschäftsführer des DGD in Marburg. Er besuchte Schwester Ingeborg wenige Wochen vor ihrem Tod in ihrem kleinen Zimmer im Mutterhaus in Velbert. Damals ging es ihr schon recht schlecht. Während des Besuches klingelte das Telefon. Schwester Ingeborg hob ab und gab einer Mitschwester die Auskunft, dass sie jetzt leider nicht kommen könne, da „ganz Marburg“ zu Besuch sei, schildert Michael Gerhard diese letzte Zusammenkunft.

Am 6. Januar 2008 starb Schwester Ingeborg. Sie wurde 69 Jahre alt.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Ingeborg Pungs

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Kerstin Schneider-Stütz

Patienten begegnet sie mit großer Empathie und viel Offenheit. Ob 18 oder 80 Jahre alt, obdachlos, suchtkrank, Akademikerin oder auch Team-Kollege – „Ich behandele alle gleich“, betont Kerstin Schneider-Stütz. Und weiß: Es braucht mehr als professionelle Unterstützung. „Ein Lachen und ein bisschen Leichtigkeit hilft in dieser schwierigen Umgebung.“

Gern mit Menschen zusammen

Nach der Realschule und dem Abitur wusste Kerstin Schneider-Stütz lange nicht, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollte. Ein Pfarrer gab ihr dann den entscheidenden Rat: Er empfahl sie auf eine Stelle für ein Freiwilliges Soziales Jahr, und die junge Abiturientin landete in einem Altenheim in Darmstadt-Eberstadt. „Das war mein erster Kontakt mit einem Beruf im Gesundheitswesen.“ Und eine Art Weckruf. „Es hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Ich bin gerne zur Arbeit gegangen und gut mit den alten Menschen zurechtgekommen.“ Von da an wusste sie, was sie wollte: „Ich wollte Krankenschwester werden.“

Sie bewarb sich im Elisabethenstift in Darmstadt und wurde genommen. „Die Atmosphäre war schon beim Bewerbungsgespräch herzlich und menschlich. Das hat mich gleich überzeugt.“ Von 1996 bis 1999 dauerte ihre Ausbildung zur Krankenschwester, bei der sie alle Bereiche des Darmstädter Hauses durchlief. In der geschlossenen, geschützten Abteilung der psychiatrischen Station merkte die junge Frau, dass sie „einen Draht zu den Menschen mit psychischen Problemen hat, mir der Kontakt leichtfällt“, erzählt sie. Das Miteinander des Teams sagte ihr zu. „Es herrschte ein sehr respektvoller, menschlicher und verständnisvoller Umgang.“ Das gab den Ausschlag. Als sie sich nach dem Ende ihrer Ausbildung dort bewarb und auch genommen wurde, war das für sie „wie Weihnachten und Geburtstag zusammen“, erinnert sich Kerstin Schneider-Stütz.

 Offen mit Thema Gewalt umgehen

Die 44-Jährige ist eine Frau der Praxis. Ein Studium, sagt sie rückblickend, „wäre nichts für mich gewesen.“ Sie bewegt sich viel und gern, liebt den direkten Kontakt zu den Menschen. 2017 ließ sie sich zur „Prodema“-Trainerin ausbilden. Die Abkürzung steht für Professionelles Deeskalationsmanagement, eine Fortbildung, die auf den professionellen Umgang mit Gewalt in Pflege- und Gesundheitsberufen zielt. Dort lernte sie in theoretischen, aber auch viel in praktischen Übungen, wie schwierige Situationen auf der Station oder in der Notfallambulanz entschärft werden können, bevor sie außer Kontrolle geraten, oder wie man für alle Beteiligten schonend eingreifen kann, wenn es doch zu gewalttätigen Übergriffen kommen sollte.

„Mit dem Thema Gewalt müssen wir offen umgehen“, sagt Kerstin Schneider-Stütz. „Es geht um unseren Schutz und den der Patienten“, betont sie. Viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden aufgrund gewalttätiger Übergriffe krank. Kerstin Schneider-Stütz’ Ziel ist es daher, „ihnen etwas für Notlagen an die Hand zu geben, damit sie sich nicht hilflos der Situation ausgeliefert fühlen.“ Das Deeskalationstraining biete ein Gerüst, „damit wir kontrolliert und nicht aus dem Bauch heraus handeln, was es oftmals schlimmer macht“, wie sie erfahren hat.

 Patient steht im Fokus

Dabei, betont sie, steht der Patient oder die Patientin im Fokus und die Frage, wie sich eine solche Situation schon im Vorfeld erkennen und verhindern lässt. „Meist steht hinter Aggressionen die Angst der Patienten.“ In ihrem Prodema-Training lehrt sie die Kollegen und Kolleginnen, die Symptome zu erkennen, sich frühzeitig einzuklinken und so mit dem Betroffenen umzugehen, „dass es ihm oder ihr möglich ist, offen von der inneren Not zu erzählen.“ Seit rund 20 Jahren arbeitet Kerstin Schneider-Stütz jetzt schon in der Psychiatrie des Elisabethenstifts. „Ich habe solche Situationen auch selbst erlebt, und das belastet einen“, weiß sie. Vor- und Nachbesprechungen – ganz ohne Schuldzuweisungen – sind ihr deshalb wichtig. „Es geht nur darum, was wir anders oder besser machen können.“

Yoga und Humor helfen

2016 ließ sich die Krankenschwester nebenberuflich auch zur Yoga-Lehrerin ausbilden. Ihr Wissen setzt sie auf der Station ein. In Kleingruppen bieten sie und die Stationsleiterin nun Yoga für die Patienten und Patientinnen an. Musik läuft, sie trainieren Atem- und Entspannungsübungen, lehren, sich selbst wieder mehr zu fühlen und Außenreize auszublenden. „Das ist mal was ganz anderes, und die Patienten haben Freude daran.“

Kerstin Schneider-Stütz begegnet ihren Patienten mit Respekt und auch mit Humor. „Es ist wichtig, mal mit ihnen zu lachen. Diese Leichtigkeit muss man in einer so schwierigen Umgebung wie der unsrigen erlauben. Das hilft“, ist sie überzeugt. Auch privat übrigens. Die 44-Jährige ist seit Kurzem in zweiter Ehe verheiratet, lebt mit ihrem neuen Ehemann und ihren Teenager-Kindern in Darmstadt. „Wir sind eine große, glückliche Patchwork-Familie“, sagt Kerstin Schneider-Stütz.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Kerstin Schneider-Stütz

 

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Hannelore Rexroth

Hannelore Rexroth ist eine Macherin, die Idealismus versprüht. Eine Netzwerkerin, die die Menschen, zusammenbringen will. Für ein positives Bild vom Altern, für Wohlfühl-Heime und Netzwerke – von älteren Menschen, Angehörigen und Fachkräften – engagiert sie sich in Arbeitskreisen, Institutionen und als Lehrbeauftragte.


In die Gemeinschaft zurückholen

Einsamkeit im Alter. Nach dem Tod des Partners allein im Haus oder der Wohnung zurückbleiben, in der man seit Jahrzehnten lebt. Im eigenen häuslichen Umfeld zwar, aber die Kontakte nach außen werden immer spärlicher. Eine Erinnerung, die Hannelore Rexroth mit ihrer Großmutter verbindet und die sie geprägt hat. „Früh habe ich mir Gedanken gemacht, wie man alte Menschen, die daheim sitzen und auf den Tod warten, wieder in die Gemeinschaft holen kann.“ Vielleicht hat das ihren späteren beruflichen Werdegang beeinflusst – der Wille, etwas zu bewegen, zum Besseren zu wenden.

Die 53-Jährige kam in Darmstadt zur Welt. In Gießen studierte sie Diplom-Ökotrophologie, Haushalts- und Ernährungswissenschaften mit Schwerpunkt Großhaushalte und Institution Management. „Das Studium bot sehr vielfältige Möglichkeiten, von Medizin, Diätetik, Botanik bis hin zu sozialwissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Themen. Eine Grundlage für vieles im Leben“, sagt Hannelore Rexroth. Und schon damals entdeckte sie, dass vor allem die Arbeitswissenschaften sie ansprachen. Ein Jahr verbrachte sie als junge Studentin mit einem Stipendium in den USA. „Ich wollte unbedingt in den englischsprachigen Raum.“ Die Kansas State University in Manhattan war die Partneruniversität von Gießen. Dorthin wechselte sie und machte ihren Master of Science in Institution Management and Gerontology. Eine aufregende Zeit mit internationalen Kontakten und auch beruflich eine wichtige Erfahrung. „Es war spannend zu sehen, wie in den USA mit Altenpflege und Altern umgegangen wird. Dort eröffneten sich Einblicke in Konzepte des betreuten Wohnens und der aktivierenden Pflege, als bei uns noch die Rede nur von Alten- und Pflegeheimen war.“

Mehr als nur satt und sauber

Mit 25 Jahren kam sie mit einem Diplom zurück und mit vielen Fragen im Kopf. Etwa zur Wohnqualität und überhaupt zu den Qualitätsstandards in Altenheimen. Schon Ende der 1980er Jahre ging es für Hannelore Rexroth in der Pflege um mehr als nur darum, dass die Bewohner satt und sauber sind. Lebensbejahend sollte das Ende des Daseins gestaltet werden. „Ein positives Bild vom Altern“ schwebte ihr vor, „aktiv sein bis ins hohe Alter“. Eben kein bloßes Warten auf den Tod. Enthusiastisch bewarb sie sich als Leiterin eines Altenheimes. Die Stelle bekam sie nicht – „ich sei noch ein bisschen zu jung“, hieß es im Bewerbungsgespräch. Doch der Gestaltungswille blieb. „Gemeinsam etwas aufbauen, alle Bedürfnisse vereinen, eine ganzheitliche Versorgung etablieren – im Altenheim muss man alles können, von der Küche bis zur Pflege“. Dieses komplexe System fasziniert Hannelore Rexroth.

In ihrem beruflichen Werdegang hat sie viele Stufen dieses Systems durchlaufen. So war sie Mediatorin in Unternehmen und Organisationen, Ökonomische Visitorin für die Zertifizierung von Krankenhäusern, Qualitätsmanagementbeauftragte. Heute ist sie Mitglied im Frankfurter Forum für Altenpflege sowie Vorstandsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Altenhilfe und Pflege und Mitglied im Fachausschuss für Wirtschafts- und Pflegesatzfragen der Diakonie Hessen. Seit 2008 ist Rexroth Geschäftsführerin der AGAPLESION MARKUS DIAKONIE gGmbH, der Markus Service und Wohnen GmbH sowie des ambulanten Pflegedienstes AGAPLESION CURATEAM gGmbH.

Netzwerke knüpfen

In Frankfurt ist sie zuständig für drei Häuser mit insgesamt 238 Pflegeplätzen: das Haus Saalburg in Bornheim, das Schwanthaler-Carree und das Oberin-Martha-Keller-Haus, beide in Sachsenhausen. In Letzterem wurde 2011 eine auf Demenz spezialisierte Tagespflege eröffnet und 2018 mit einem von der Stiftung Deutsches Hilfswerk geförderten Quartiersprojekt begonnen. Rexroth möchte, dass die Einrichtungen mit ihrer Professionalität in die Nachbarschaft hineinwirken, dass sich Kontakte zu Kirche, Sozialarbeit, Schulen oder Vereinen ergeben und daraus ein dichtes, Generationen und Sektoren übergreifendes Netzwerk wird. „Wir wollen keine Inseln sein mit unseren Häusern“, betont sie und findet, dass zu oft in festen Grenzen gedacht wird. „Wir wollen unsere Angebote vernetzen, Junge und Alte einbinden. Das ist eine Herausforderung.“ In diesem Sinne engagiert sie sich im Diakonie-Arbeitskreis „Altern in Frankfurt“ und ist immer wieder überrascht „über die vielen tollen Projekte der Kirchengemeinden und diakonischen Träger“. Ihr Ziel ist, „die Menschen abzuholen, wo sie sind, und drum herum ein Netzwerk aufzubauen“.

Wohlfühl-Atmosphäre

Hannelore Rexroth will die Bewohner*innen ihrer Einrichtungen motivieren, ein aktives Leben im Alter zu führen, „die Zeit zu genießen, die man hat.“ Dazu gehört, Feste zu feiern und ein Wohnumfeld zu schaffen, das der Biografie der Menschen entspricht und in dem sie sich wohlfühlen. Dazu gehört aber auch, ein Gespräch darüber zu führen, was sich die Menschen am Lebensende wünschen. „Das ist sehr intensiv, emotional, und damit sollte man sich frühzeitig auseinandersetzen“, findet sie. Ihre Mitarbeiter*innen erhalten dazu gezielt Schulungen, um Überforderungen zu vermeiden. Hannelore Rexroth hat die Erfahrung gemacht, dass alte Menschen und Angehörige sehr dankbar sind, wenn sie miteinander und moderiert darüber sprechen können. „Das entlastet.“ Sie selbst hat sich schon mit 46 Jahren Gedanken gemacht, wie sie im Alter leben will, und ist mit ihrem Mann von der Maisonette-Wohnung in ein kleines, altengerechtes Haus gezogen.

Imkern als Hobby

2006 wählte die engagierte Ökotrophologin ein Hobby, das zu ihr und ihrer Arbeit passt. Sie wurde Imkerin und kümmert sich auf ihrer Streuobstwiese in der Freizeit um zehn Honigbienenvölker. Von der Natur inspiriert, legte sie 2016 auf dem großen Dachgarten von Haus Saalburg ein Wildbienenhotel an, an dem sich seither die Bewohner/innen erfreuen. „Das hat mir einen ganz neuen Blick eröffnet“, sagt sie. Auf ein Gemeinschaftsleben, wie die Natur es vorlebt. Die 50.000 Insekten eines Honigbienenvolkes kommunizieren untereinander. „Bienen sind das perfekte Bild einer sich sorgenden Gemeinschaft. Jeder ist für jeden da. Ein Sinnbild, dass man miteinander etwas Positives bewirken kann“, findet Hannelore Rexroth.

Autorin: Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Hannelore Rexroth

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Roswitha Behnis

Manchmal hat sie geschwankt, aber nie gezweifelt. „Ich wusste immer, dass ich die Kraft entwickele, schwierige Situationen zu meistern“, sagt Roswitha Behnis über sich selbst. Ihr Ziel ist stets die Wertschätzung der Patienten als Menschen, aber auch das Wohl ihrer Mitarbeiter/-innen.

Anfangs ein Kampf

Roswitha Behnis erinnert sich noch gut an frühe Erlebnisse in ihrer Krankenschwesternausbildung. Sie war gerade 17, stammte ursprünglich aus einem Dorf unweit von Bingen. Frankfurt war eine Großstadt, die Arbeit im Markus-Krankenhaus noch neu. „Ich hatte das erste Mal Dienst auf der urologischen Station.“ Heute schmunzelt sie darüber, aber damals war ihr so manche Situation mit männlichen Patienten unangenehm. „Das ist 45 Jahre her, und die Zeiten waren einfach anders“, sagt sie im Rückblick. Roswitha Behnis ist in Mainz zur Schule gegangen. Sie wusste früh, dass sie nach der mittleren Reife einen sozialen Beruf ergreifen wollte. „Ich habe geschwankt zwischen Erzieherin und Krankenschwester.“ Mit dem Thema Pflege war sie zuvor nie in Berührung gekommen. Ihr Vater war Installateur, die Mutter unterstützte ihn im Familienbetrieb. „Die Schule hat mich geprägt. Dort hat man sich sehr für das Soziale engagiert.“ Der Anfang in der Schwesternausbildung fiel ihr dennoch schwer. „So viel Nähe zu Menschen zuzulassen, das musste ich erst lernen“, erzählt die heute 62-Jährige.

Unterwegs zu den Menschen

In einer Behinderteneinrichtung der Diakonie in Nassau-Scheuern absolvierte Roswitha Behnis ein soziales Jahr. „Die Diakonissen haben mich gut angeleitet“, sagt sie. Wenn es emotional schwierig wurde, schickten sie die junge Frau zum Durchatmen an die frische Luft. Manches war nicht leicht zu verkraften, „aber ich habe nie gezweifelt, sondern immer gewusst, dass ich die Kraft entwickele, schwierige Situationen zu meistern“, betont sie. Ihr Aha-Erlebnis, durch das sie zu ihrer Berufung fand, hatte sie während der Ausbildung bei einem Außeneinsatz in Frankfurt-Eschersheim. Dort war sie mit der Gemeindekrankenschwester auf dem Fahrrad zu Hausbesuchen unterwegs. „Das war für mich ausschlaggebend: In die Häuser zu gehen, mich dort um die Menschen zu kümmern, vor Ort mit ihnen gemeinsam nach einer Lösung oder einem Pflegearrangement zu suchen. Danach wusste ich, dass ich in die Pflege gehen wollte.“

Ein Kind der Diakonie

1988 begann Roswitha Behnis ihre Arbeit in der Diakoniestation Niedernhausen bei Wiesbaden. „Wir waren anfangs zwei Schwestern und vier Patienten“, erinnert sie sich. Seit 1991 leitet sie die Station, und heute kümmern sich dort 40 Mitarbeiter*innen um 130 Patienten*innen. Ihr ganzes Arbeitsleben lang war Roswitha Behnis bei der Diakonie angestellt. „Ich bin sehr stolz auf diese Station und was wir geschafft haben“, sagt sie. Vor rund zehn Jahren waren sie die ersten in der Region rund um Wiesbaden, die sich mit PiA, mit der Pflege kranker Menschen im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt, befassten. „Bis Freiburg bin ich gereist, um mir verschiedene Modelle anzuschauen“, erzählt sie.

Kampf gegen den Zeitdruck

Häusliche Pflege ist heute ein riesiger Markt. Behnis legt Wert darauf, ihre Patient*innen und auch ihr Team wertzuschätzen. „Wir kämpfen sehr gegen den Zeitdruck.“ Sie geht fair mit ihren Beschäftigten um, bietet wenn möglich einen Wunschdienstplan an und Kurse zu Schlaf- und Stressmanagement. „Ich möchte gute Bedingungen für meine Mitarbeiter*innen schaffen“, betont sie. Im Umgang mit den Patient*innen hält sie ihr Team dazu an, immer den Menschen zu sehen, respektvoll und mitfühlend zu sein und auch schon mal fünf Minuten länger Zeit zu haben – „dafür sind wir Diakonie“, betont sie.

Im Berufsleben ist die Pflege von Angehörigen noch immer ein Tabuthema

Mehr in den Fokus hat sie auch Hilfen für pflegende Angehörige gerückt und sich dafür zur Gesundheitspädagogin und Pflegeberaterin weitergebildet. In der Diakoniestation Niedernhausen arbeiten zusätzlich zu den Pfleger*innen auch Betreuungsassistent*innen, die sich um Patient*innen kümmern, damit Angehörige stundenweise entlastet werden können. Ein Angebot, das Roswitha Behnis aufgebaut hat und „das sehr gut angenommen wird“, erzählt sie. Zudem bietet sie zusammen mit einer Kollegin Kurse und eine betriebliche Pflegeberatung in Unternehmen an. Dabei handelt es sich um ein spezielles Angebot für berufstätige pflegende Angehörige. Es geht um die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, um Teilzeit, gesetzliche Regelungen und um Hilfen, sich im Antragsdschungel zurechtzufinden. „Je mehr man weiß, umso stabiler wirkt das Überforderung entgegen“, weiß Behnis, die eine Ausbildung zum Pflege-Guide absolviert hat.

In Unternehmen und bei Berufstätigen ist die Pflege von Angehörigen noch immer ein Tabuthema, hat sie erfahren. „Viele möchten nicht, dass der Arbeitgeber davon weiß.“

Neue Projekte

In wenigen Jahren geht die 62-Jährige in Rente. Bis dahin hat sie sich jedoch noch viel vorgenommen. Nicht nur, dass sie mit ihrer eigenen Station 2019 innerhalb von Niedernhausen umziehen wird, in Eppstein werden sie und ihr Team außerdem einen weiteren Standort eröffnen – in einer betreuten Wohnanlage. Dort soll es einen Raum für eine Demenzgruppe geben. Auch das ist neu. „Ich möchte noch viel aufbauen, bevor ich in den Ruhestand gehe“, sagt sie. Ruhig wird sie – trotz Mann, Kindern und Enkeln – aber wohl kaum bleiben: „Ich brauche Aufgaben. Stillstand ist nichts für mich.“ Für das Diakonische Werk in Frankfurt engagiert sie sich als Dozentin in der Suchtkrankenhilfe. Noch so ein großes Thema neben Demenz und Pflege im Alter: die Einsamkeit und Sinnlosigkeit, die alte Menschen oftmals in die Medikamenten- oder Alkoholsucht führt. Roswitha Behnis werden die Aufgaben vorerst nicht ausgehen.

Autorin: Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Roswitha Behnis

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Ulrike Goldmann

Ulrike Goldmann hat sich ihre Neugierde und Begeisterungsfähigkeit bewahrt. Persönlicher oder beruflicher Stillstand ist ihr fremd. Sie will Verbesserungen für pflegebedürftige Menschen erreichen und für diejenigen, die sie betreuen. Im Auftrag der Diakonie Hessen reist sie durchs Land und schult Diakonie-Einrichtungen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf das neue System der Pflegedokumentation um, das mehr Zeit für die Patienten und weniger Bürokratie bedeutet.

Schon nach dem Abitur in die Pflege

Ulrike Goldmann ist am Niederrhein aufgewachsen, in einer Familie, in der regelmäßige Kirchenbesuche dazu gehörten. „Der Glauben“, sagt sie, „ist meine Basis“. Der Wunsch, zu helfen, etwas Sinnvolles zu tun, erwachte früh. „Ich habe ein Helfersyndrom“, lacht sie. Nach dem Abitur wollte sie daher eigentlich Medizin studieren, doch auch damals schon war der Numerus Clausus eine hohe Hürde. Als Vorbereitung für das später geplante Ärztinnen-Dasein, begann Ulrike Goldmann eine Ausbildung zur Krankenschwester im Viersener Krankenhaus, „doch dann bin ich bei der Pflege geblieben“, erzählt sie. Die Arbeit faszinierte sie von Anfang an. „Ich hatte gleich das Gefühl, das ist der richtige Beruf für mich.“

Ein Leben im Ausnahmezustand

Statt Ärztin zu werden, heiratete Goldmann später einen Arzt, einen palästinensischen Christen, den sie im Viersener Krankenhaus kennen- und lieben gelernt hatte. Ihrem Mann folgte sie in dessen Heimat Bethlehem. Ein intensives, spannendes und gefährliches Leben begann. 18 Jahre wohnte sie dort, erlebte hautnah die Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern, drei Intifadas und den Golfkrieg. Sie bekam sechs Kinder, arbeitete ehrenamtlich mit geistig- und körperlich behinderten Kindern, engagierte sich in der deutschen evangelischen Kirchengemeinde in Jerusalem, half in Flüchtlingslagern und in Not geratenen Menschen auf den Westbanks. Vom Land und den Menschen dort ist sie fasziniert. „Es hat meinen Blick auf die Welt verändert“, sagt Ulrike Goldmann.

„Hier wird nicht geschossen“

Leidenschaftlich tritt sie für die Rechte der Palästinenser ein, doch als ihr Mann 2000 stirbt, bleibt sie nicht dort. 2001 kehrt sie nach Deutschland zurück. In Jerusalem hat sie ihren zweiten Ehemann kennengelernt. Mit ihm und ihren sechs Kindern aus erster Ehe geht sie nach Deutschland, zuerst nach Kirchhain, später nach Hofgeismar, wo ihr Mann im Pfarrdienst arbeitete. Heute wohnen sie und ihr Mann in Großkrotzenburg, einer kleinen Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis. Vom umkämpften Alltag im Nahen Osten in eine beschauliche Kleinstadtatmosphäre in Hessen – größer kann eine Umstellung kaum sein. Die Schule der Kinder wurde zu Kriegs- und Intifada-Zeiten mit Tränengas beschossen. „Mama, hier wird gar nicht geschossen“, berichtet Ulrike Goldmann von ersten Reaktionen ihrer Kinder auf die neue Umgebung. Das friedvolle neue Zuhause gefiel ihnen, „aber die Sonne und die Wärme haben sie vermisst“.

Wieder voll im Beruf

Mittlerweile sind die Kinder erwachsen und aus dem Haus. „Ich bin wieder voll im Beruf“, sagt die 59-Jährige. Die Neugierde trieb sie an und das Bedürfnis, zu helfen. Statt wieder als Krankenschwester zu arbeiten, stieg Ulrike Goldmann auf die Altenpflege um. Die Beziehung zu Menschen war ihr von jeher wichtig. Von 2014 bis Juni 2018 arbeitet sie im Diakonischen Aus- und Fortbildungszentrum Hofgeismar, seit September 2018 in Teilzeit an der Altenpflegeschule Rodenbach/Gelnhausen. Als Lehrerin unterrichtet sie ausgebildete oder angehende Pflegekräfte in palliativer Begleitung, Ethik, Behandlungspflege oder auch Krankheitslehre. Sie gibt Fort- und Weiterbildungs- oder auch Fachkurse.

Ulrike Goldmann hat zudem ihr Heilpraktiker-Examen gemacht und sich in chinesischer Medizin fortgebildet. „Das schafft einen neuen Blick auf Erkrankungen“, findet sie. Als Prädikantin darf sie ehrenamtlich Gottesdienste halten. Stillstand kennt sie nicht.

Neue Pflegedokumentation

Als Honorarkraft arbeitet sie weiter für die Diakonie Hessen und schult diakonische Einrichtungen und deren Mitarbeiter/innen auf die neue Pflegedokumentation nach dem Strukturmodell um, die die Pflege entbürokratisieren soll. Das Konzept soll den Dokumentationsaufwand mindern und Entlastung für die Pflegekräfte schaffen, die dadurch wieder mehr Zeit für die eigentliche Pflege gewinnen- ohne fachliche Qualitätsstandards oder haftungsrechtliche Risiken zu vernachlässigen.

Ein Konzept, das Ulrike Goldmann am Herzen liegt. „Der Blick auf den Menschen ist das Wichtigste. Der würdevolle Umgang, die bewusste Beziehung.“ Das versucht sie auch ihren Schülern*innen in der Altenpflegeschule zu vermitteln.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Ulrike Goldmann

Geschrieben von Astrid Ludwig

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Maria Ling

Ihre Durchsetzungskraft, auch Eigenwilligkeit, gepaart mit ihrer Zugewandtheit und Offenheit anderen gegenüber haben Maria Ling besondere persönliche und berufliche Wege geführt – und das schon in den frühen 60er Jahren.

Eine Krankenschwester mit Sinn für Blödsinn

Die Pflege hatte sie bei einem Kurzpraktikum kennengelernt. Jetzt, im Jahr 1955, wollte Maria Ling eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Sie verließ ihr schwäbisches Zuhause und ging nach Frankfurt ins Bethanien-Krankenhaus. In der familiären Gemeinschaft der Diakonissen fühlte sie sich wohl.

Es war ein Stück Heimat für Maria Ling, ein Ort, an dem sie ihrer Frohnatur freien Lauf ließ: Eines Abends versteckte sie sich unter dem Bett des Pfarrers, der damals der Leiter des Hauses war – sie wollte ihn nur kurz erschrecken. Der jedoch legte sich prompt schlafen. Und Maria Ling, nun selbst überrascht von ihrer eigenen Courage, musste unter dem Bett bis zum Morgengrauen ausharren – der Pfarrer oben, sie unten. Ihre fröhliche Art sollten ihr bis zum Lebensende erhalten bleiben.

Mit Leichtigkeit auch Klartext reden

Die junge Auszubildende war beeindruckt von den Schwestern um sie herum. „Über die ganze Zeit beschäftigte mich der Gedanke, Diakonisse zu werden,“ schrieb sie damals. Schließlich wurde sie im Jahr 1960 als Diakonisse eingesegnet. Dieser Schritt ermöglichte es ihr, abgesichert zu sein, zu arbeiten, sich weiterzubilden, vielleicht sogar in Leitungsfunktion zu kommen – alles nicht selbstverständlich für Frauen in dieser Zeit.

Andererseits war sie als Diakonisse auch strikt dem Willen ihrer Oberin und der Gemeinschaft unterstellt – das war nicht einfach für Maria Ling, die ungern mit den Wölfen heulte. Offen, zuweilen auch offensiv, sprach sie an, was gesagt werden musste. Sie konnte einfach Klartext reden, ohne jedoch verbissen zu wirken, sondern stets mit ihrem besonderen, irgendwie gewinnenden Lächeln auf den Lippen.

Als Unterrichtsschwester auf modernen Wegen

Im Jahr 1962 wurde Maria Ling mit der Bethel-Mission nach Tansania entsandt. Es war nicht nur ihre fachliche Kompetenz, die sie zu einer guten Missionsschwester machten, auch ihre Bereitschaft, über ihren Schatten zu springen und auf Menschen zuzugehen qualifizierten sie. Sie kam ins Krankenhaus nach Bumbuli in der ländlichen Region der Usambara Berge.

In den nächsten fünf Jahren entstand in Maria Ling die Überzeugung: Der neu entstandene Staat von Tansania solle langfristig das Gesundheitswesen selbst in die Hand nehmen, als Missionsschwester könne sie nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten – damit stand Maria Ling für eine moderne Entwicklungsarbeit, wie sie damals von der Bethel-Mission betrieben wurde. Weil sie meinte, die Einheimischen sollten selbst Pflegekräfte werden, ließ sie sich zwischenzeitlich in Berlin zur Unterrichtsschwester qualifizieren. Danach bildete sie in Bumbuli einheimische Frauen zu Pflegehelferinnen aus und gab Master-Studentinnen praktischen und theoretischen Unterricht. „Es war die schönste Zeit meines Lebens,“ sagte Maria Ling oft.

Als sie 1973 zurück nach Frankfurt kam, blieb sie Unterrichtsschwester, jetzt in der Krankenpflegeschule des Bethanien-Krankenhauses. Mit jungen Menschen zu arbeiten fand sie schön. Doch mit jedem neuen Jahrgang machte ihr der ständige Wechsel von Schüler*innen mehr zu schaffen. Nach etwa 20 Jahren als Lehrerin wollte sie etwas Anderes: Sie wurde Gemeindeschwester im badischen Karlsruhe-Durlach, bis im Jahr 2000 ihr offizieller Dienst endete.

Offen und kontaktfreudig bis ins hohe Alter

Ihr Ruhestand gestaltete sich alles andere als ruhig. Maria Ling war ständig unterwegs: Sie leitete Gottesdienste, war Laienpredigerin, hielt Vorträge im südwestdeutschen Raum und war Dolmetscherin auf kirchlichen Veranstaltungen. Wenn sie in Frankfurt war, dann war sie Seelsorgerin auf der onkologischen Station des Bethanien-Krankenhauses. Ihre offene, kontaktfreudige Art hat sie nie verloren: Sie stand Sterbenden und Angehörigen bei, oder sie half ganz einfach einem Besucher, der sich in der verwirrenden Baustruktur verlaufen hatte oder mit dem komplexen Aufzugssystem überfordert war.

Maria Ling war die letzte Diakonisse im Haus. Es endete also eine Ära, als sie am 11.03.2013 starb – ihre Mitschwestern waren sich sicher: mit einem Lächeln auf den Lippen.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Maria Ling

Geschrieben von Daniel Sikinger