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Bärbel Schmidt

In ihrer Mitarbeiterführung zeigte sie besondere Durchsetzungsstärke, aber auch die Fähigkeit, Brücken zu bauen. Ihre außerordentliche Tatkraft ging über ihre Leitungsfunktion hinaus, bis in den lokalpolitischen Bereich hinein.

Als Teenager das Leben selbst in die Hand nehmen

Die Mutter starb unter Schmerzen. Bärbel Schmidt war da gerade erst neun Jahre alt. Kein Mensch sollte das erleben müssen, sagte sie sich, dagegen will ich etwas tun. Der Wunsch, in die Pflege zu gehen, war geboren. Als sie fünfzehn war, zog sie aus. „Ich hab also sehr früh mein Leben selbst in die Hand genommen.“

Nach dem Schulabschluss ging sie als Praktikantin ins Altersheim Efeumühle in Seeheim-Jugenheim: Ein kleines, gemütliches Haus, eine schöne Zeit für Bärbel Schmidt. Sie entschied sich, Krankenschwester zu werden. Im Alice-Hospital in Darmstadt wurde sie ausgebildet. Danach nahm sie eine Stelle als Sprechstundenschwester an, aber merkte schnell: Das ist nichts für mich, die Buchführung, das Labor. Ich muss mich direkt um Menschen kümmern dürfen.

Ein Stück Heimat in der Pflege finden

Es war schon Gesprächsthema im Stadtteil Darmstadt-Bessungen und so hörte auch Bärbel Schmidt davon: Ein neues Altersheim würde eröffnet, der Hessische Diakonieverein baue ein neues Heimathaus. Das war 1974. Bärbel Schmidt hatte das riesige Gebäude zuerst ein wenig abgeschreckt. Aber sie bewarb sich dennoch. Und schon bald war das Haus ein Stück Heimat für sie, ein Heimathaus eben. „Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein, angenommen, als Teil einer großen Gemeinschaft.“

Für Bärbel Schmidt war die Pflege nie nur ihre Arbeit – sie unternahm auch privat vieles mit den Bewohner*innen. Als sich einmal eine alte Dame mit Diabetes nichts sehnlicher wünschte, als beim örtlichen Heinerfest ein Bier und Pommes zu genießen, da testete Bärbel Schmidt zuerst ihren Blutzucker und nahm sie dann mit zum Fest. Als sie zurückkamen, sagte die Bewohnerin, sie habe eigentlich ja nicht mehr leben wollen, aber jetzt warte sie lieber auf das nächste Fest. „Ich will die Menschen so behandeln, wie ich selbst behandelt werden will,“ dieses Leitmotiv begleitete Bärbel Schmidt bei der Pflege.

Mit dem Leitziel vor Augen auch mal übers Ziel hinaus

Nach sieben Jahren im Schichtdienst und zehn in der Nachtschicht wurde auf der Station von Bärbel Schmidt eine neue Leitung gesucht. Man fragte sie. Aber die Leitungsaufgaben erinnerten sie an ihre ungeliebte Arbeit als Sprechstundenschwester. Andererseits: Was ihr so lieb geworden war, sollte seinen Wert behalten, oder wie sie es sagt: „Es durfte nicht vor die Hunde gehen.“ Doch als Leitung sollte ihr eine schwere Zeit bevorstehen: Ihre Station wurde mit einer anderen zusammengelegt, sie sollte die Zusammenlegung managen und unter ihrer Führung eine neue Station gründen.

„Ich habe von den Mitarbeiter*innen nichts verlangt, was ich nicht auch gemacht hätte,“ sagt sie getreu ihrem Leitsatz. So machte Bärbel Schmidt nicht nur die administrative Arbeit, sie pflegte auch und putzte. Und alle paar Wochen feierte sie mit ihren Mitarbeiter*innen. So leistete sie Überzeugungsarbeit und formte eine neue Einheit. Ein Kraftakt, der auch seinen Tribut zollte: „In meiner impulsiven Art bin ich manchmal auch übers Ziel hinausgeschossen. Da sind viele Verletzungen entstanden. Aber ich fand es dann auch immer wichtig, hinzugehen und mich zu entschuldigen.“ Auch mit ihren Vorgesetzten rieb sie sich: Sie stritt um den engen Personalschlüssel und den zunehmenden Papierkram – sie hatte einen Blick dafür, wo etwas im Argen lag und wo sich etwas verändern musste. Das machte es nicht immer einfacher für Bärbel Schmidt.

Auch politisch: Nicht nur meckern, sondern machen

So kam sie auch in die Lokalpolitik, zuerst im Ortsverein ihrer Partei, dann als Vorsitzende und schließlich als Stadträtin in Darmstadt. Sie wollte nicht nur meckern, sondern auch machen. Heute hat sie zwar ihre Ämter niedergelegt, steht aber noch dem hiesigen Seniorenrat vor. „Alte Menschen haben einfach keine Lobby. Das stimmt mich traurig. Auch ich werde alt und brauche dann jemanden, der sich für mich einsetzt.“ Und da schimmert es wieder durch, ihr Leitmotiv.

Seit drei Jahren ist Bärbel Schmidt im Ruhestand – mit 63, etwas früher, aber genau zur richtigen Zeit: „Ich wäre sonst zu viel angeeckt,“ findet sie.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Porträt Bärbel Schmidt

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