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Maria Ling

Ihre Durchsetzungskraft, auch Eigenwilligkeit, gepaart mit ihrer Zugewandtheit und Offenheit anderen gegenüber haben Maria Ling besondere persönliche und berufliche Wege geführt – und das schon in den frühen 60er Jahren.

Eine Krankenschwester mit Sinn für Blödsinn

Die Pflege hatte sie bei einem Kurzpraktikum kennengelernt. Jetzt, im Jahr 1955, wollte Maria Ling eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Sie verließ ihr schwäbisches Zuhause und ging nach Frankfurt ins Bethanien-Krankenhaus. In der familiären Gemeinschaft der Diakonissen fühlte sie sich wohl.

Es war ein Stück Heimat für Maria Ling, ein Ort, an dem sie ihrer Frohnatur freien Lauf ließ: Eines Abends versteckte sie sich unter dem Bett des Pfarrers, der damals der Leiter des Hauses war – sie wollte ihn nur kurz erschrecken. Der jedoch legte sich prompt schlafen. Und Maria Ling, nun selbst überrascht von ihrer eigenen Courage, musste unter dem Bett bis zum Morgengrauen ausharren – der Pfarrer oben, sie unten. Ihre fröhliche Art sollten ihr bis zum Lebensende erhalten bleiben.

Mit Leichtigkeit auch Klartext reden

Die junge Auszubildende war beeindruckt von den Schwestern um sie herum. „Über die ganze Zeit beschäftigte mich der Gedanke, Diakonisse zu werden,“ schrieb sie damals. Schließlich wurde sie im Jahr 1960 als Diakonisse eingesegnet. Dieser Schritt ermöglichte es ihr, abgesichert zu sein, zu arbeiten, sich weiterzubilden, vielleicht sogar in Leitungsfunktion zu kommen – alles nicht selbstverständlich für Frauen in dieser Zeit.

Andererseits war sie als Diakonisse auch strikt dem Willen ihrer Oberin und der Gemeinschaft unterstellt – das war nicht einfach für Maria Ling, die ungern mit den Wölfen heulte. Offen, zuweilen auch offensiv, sprach sie an, was gesagt werden musste. Sie konnte einfach Klartext reden, ohne jedoch verbissen zu wirken, sondern stets mit ihrem besonderen, irgendwie gewinnenden Lächeln auf den Lippen.

Als Unterrichtsschwester auf modernen Wegen

Im Jahr 1962 wurde Maria Ling mit der Bethel-Mission nach Tansania entsandt. Es war nicht nur ihre fachliche Kompetenz, die sie zu einer guten Missionsschwester machten, auch ihre Bereitschaft, über ihren Schatten zu springen und auf Menschen zuzugehen qualifizierten sie. Sie kam ins Krankenhaus nach Bumbuli in der ländlichen Region der Usambara Berge.

In den nächsten fünf Jahren entstand in Maria Ling die Überzeugung: Der neu entstandene Staat von Tansania solle langfristig das Gesundheitswesen selbst in die Hand nehmen, als Missionsschwester könne sie nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten – damit stand Maria Ling für eine moderne Entwicklungsarbeit, wie sie damals von der Bethel-Mission betrieben wurde. Weil sie meinte, die Einheimischen sollten selbst Pflegekräfte werden, ließ sie sich zwischenzeitlich in Berlin zur Unterrichtsschwester qualifizieren. Danach bildete sie in Bumbuli einheimische Frauen zu Pflegehelferinnen aus und gab Master-Studentinnen praktischen und theoretischen Unterricht. „Es war die schönste Zeit meines Lebens,“ sagte Maria Ling oft.

Als sie 1973 zurück nach Frankfurt kam, blieb sie Unterrichtsschwester, jetzt in der Krankenpflegeschule des Bethanien-Krankenhauses. Mit jungen Menschen zu arbeiten fand sie schön. Doch mit jedem neuen Jahrgang machte ihr der ständige Wechsel von Schüler*innen mehr zu schaffen. Nach etwa 20 Jahren als Lehrerin wollte sie etwas Anderes: Sie wurde Gemeindeschwester im badischen Karlsruhe-Durlach, bis im Jahr 2000 ihr offizieller Dienst endete.

Offen und kontaktfreudig bis ins hohe Alter

Ihr Ruhestand gestaltete sich alles andere als ruhig. Maria Ling war ständig unterwegs: Sie leitete Gottesdienste, war Laienpredigerin, hielt Vorträge im südwestdeutschen Raum und war Dolmetscherin auf kirchlichen Veranstaltungen. Wenn sie in Frankfurt war, dann war sie Seelsorgerin auf der onkologischen Station des Bethanien-Krankenhauses. Ihre offene, kontaktfreudige Art hat sie nie verloren: Sie stand Sterbenden und Angehörigen bei, oder sie half ganz einfach einem Besucher, der sich in der verwirrenden Baustruktur verlaufen hatte oder mit dem komplexen Aufzugssystem überfordert war.

Maria Ling war die letzte Diakonisse im Haus. Es endete also eine Ära, als sie am 11.03.2013 starb – ihre Mitschwestern waren sich sicher: mit einem Lächeln auf den Lippen.

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Maria Ling

Geschrieben von Daniel Sikinger

 

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