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Marlies Grüber

Sie war eine starke Führungsperson. Marlies Grüber wusste, was sie wollte. Die Oberin des Waldeckschen Diakonissenhauses Sophienheim konnte sich durchsetzen: Gegen Männer in Leitungsfunktionen, ihre Oberin, sogar gegen ihre eigenen Eltern. Unter ihrer Führung florierte die Einrichtung. Doch sie vergaß nie, zugänglich zu bleiben und ihren Mitarbeitenden empathisch zuzuhören. Ihr ermutigendes „Danke“ hallt bis heute nach.

Eine eigenwillige Diakonisse

Die beiden jungen Frauen waren in ihrem Golf noch nicht weit gefahren. Das Diakonissenmutterhaus lag nur wenige Kilometer hinter ihnen, da hielten sie an der erstbesten Raststätte an: Tracht aus, Haube runter, stattdessen: Knickerbocker über, Wanderschuhe an. Marlies Grüber und ihre Freundin Ruth Littin waren sich bewusst, dass ihre Oberin es verboten hatte. Aber jetzt, auf ihrem Weg in den jährlichen Wanderurlaub, entschieden sie für sich: Es tut uns gut, die alltägliche Kluft abzulegen — wenigstens einmal im Jahr.

Dass Marlies Grüber ihren eigenen Willen hatte, zeigte sich schon früh: Als sie als junge Frau im südbadischen Lörrach als Säuglingspflegerin arbeitete, entschied sie, Diakonisse zu werden — gegen den Willen ihrer Eltern, die sich gewünscht hätten, sie wäre einen bürgerlichen Weg gegangen. Doch Marlies trat 1952 in das Mutterhaus in Nonnenweier ein und versprach damit, nicht nur in Ehelosigkeit, sondern auch das eigenen Leben in den Dienst für andere Menschen zu stellen. Mit ihrem Eigensinn, den sie sich auch als Diakonisse bewahrte, sollte sie in der Schwesternschaft noch oft anecken.

Mit Kraft führen — notfalls auch mit einem Nein

Schon bald war klar: Marlies Grüber ist eine Führungskraft. Man schickte sie für ein Jahr auf die Schwesternhochschule nach Berlin, einer Art Führungsakademie des Kaiserswerther Verbands, dem sie angehörte. Sie wurde zuerst Hausmutter und später, im Jahr 1979, auch stellvertretende Oberin in Nonnenweier. Aber dann kam der Ruf aus Bad Arolsen in Hessen: Das Waldecksche Diakonissenhaus Sophienheim brauchte eine neue Oberin. Marlies Grüber wurde ausgewählt, aber blieb skeptisch: „Als Markgräflerin so weit in den Norden“, fragte sie sich. Sie nahm sich ein Probejahr, wollte sich nicht einfach postieren lassen, sondern prüfen, ob Gott sie wirklich diesen Weg führt — und blieb schließlich.

In Bad Arolsen war sie nicht nur Oberin, sondern auch Pflegedienstleitung und Schulschwester — und damit oberste Führungskraft, nicht nur für die Diakonissen, sondern auch für die Pflegekräfte, Angestellten und Auszubildenden. Dass sie auch die Kraft zum Führen hatte, zeigte sich etwa im Umgang mit „ihren Männern“, wie sie sie nannte: gemeint waren der Verwaltungsleiter und der Pfarrer der Einrichtung. Gegen deren Männermehrheit entgegnete sie nicht selten mit einem resoluten „Nein, mit mir gibt es das nicht“.

Aufbauarbeit, die gefruchtet hat

Als Marlies Grüber das Haus in Bad Arolsen übernahm, war es mit 28 Diakonissen verhältnismäßig klein. Sie widmete sich deshalb der Aufbauarbeit: Sie führte zum Beispiel den ambulanten Hospizdienst ein, damit Sterbende auch zu Hause begleitet werden konnten, etwas das bisher die Diakonissen mit ihren „Sitzwachen“ getan hatten: Weil es aber immer weniger Diakonissen in Bad Arolsen gab, setzte Marlies Grüber auf Ehrenamtliche — damals etwas völlig Neues in ihrer Zeit im Landkreis.

Ende der 90er Jahre stand die nächste große Veränderung in der Altenpflege an: weg von stationsähnlichen Pflegeeinheiten, hin zu Wohnbereichen. Dafür mussten die Gebäude umgebaut werden. Marlies Grüber begleitete die Planungen, legte Wert auf möglichst viel Privatsphäre der Bewohner*innen, setzte sich für Einzelzimmer mit Bad ein und managte die Bauarbeiten. Heute hat die Einrichtung in Bad Arolsen 330 Pflegeplätze, 800 Kunden in der ambulanten Pflege und 96 Schüler*innen in der Altenpflegeschule — die Aufbauarbeit von Marlies Grüber hat also gefruchtet.

Trösterin, Ratgeberin, Ermutigerin bis zum Schluss

Im Jahr 2013 ging Marlies Grüber offiziell in den Ruhestand. Doch noch in ihren letzten Lebenswochen war sie täglich vier Stunden im Büro — nicht um reinzureden oder mitzumischen, sondern um eine Anlaufstelle für Angestellte und Bad Arolsener zu sein. Für viele war sie eine Trösterin, Ratgeberin und Ermutigerin. „Sie hat sich einfach oft bedankt“ sagt eine Mitarbeiterin heute. Deren Einsatz hat Marlies Grüber nicht als selbstverständlich angesehen. Mit ihrer wertschätzenden Haltung hat sie das Betriebsklima nachhaltig geprägt — bis heute, das bestätigen die Mitarbeitenden. Marlies Grüber starb am 30. Januar 2015 in Bad Arolsen.

PDF-Dokument hier herunterladen: Porträt Marlies Grüber

 

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