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Schwester Charlotte Corday

Sie war eine offene und auch weltoffene Frau. Sie hatte Verständnis für die jungen Ausbildungsschwestern und war experimentierfreudig. Sie selbst absolvierte eine Zusatzausbildung zur Hygienefachschwester. Ihre Station führte die Diakonisse mit Perfektion und christlicher Motivation.


Zwei sehr verschiedene Namensschwestern

Wer den Namen Charlotte Corday hört und im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, dem kommt als erstes vielleicht eher ein blutiges Kapitel der Revolutionsgeschichte in den Sinn denn eine friedliebende Diakonie-Schwester. Charlotte Corday hieß eine Adlige aus der Normandie, die 1793 während der Französischen Revolution den radikalen Politiker Jean Paul Marat tötete und kurz nach ihrem Attentat selbst guillotiniert wurde. Eine Namensgleichheit, erinnert sich Weggefährtin Wilma Grieser, die Charlotte Corday sehr wohl kannte und bewusst war. Doch der Unterschied zu der berühmten Namensschwester hätte kaum größer sein können. Charlotte Corday, die dieser Tage 89 Jahre geworden wäre, widmete ihr Leben ihren Mitmenschen. Diakonisse und Krankenschwester zu sein „war ihre Bestimmung“, sagt Wilma Grieser, die 1969 als Pflegehelferin auf die chirurgische Station kam, die Schwester Charlotte leitete. „Da war ich gerade 17 und habe sehr von ihrer Ausbildung profitiert. Schwester Charlotte Corday hat uns auf alles gut vorbereitet und angeleitet. Ihre Station war perfekt geführt. Wir und die Patientinnen lagen ihr sehr am Herzen“, erinnert sie sich.

Über Umwege zur Diakonissenausbildung

Charlotte Corday, die am 24. Januar 1930 in Offenbach als Tochter eines Bäckers zur Welt kam, absolvierte die Volksschule und arbeitete in den Nachkriegsjahren zunächst als Landarbeiterin in Homberg an der Ohm, später im Haushalt, Garten sowie der Blumen- und Kranzbinderei einer Gärtnerei. Auf Empfehlung einer Schulkameradin kam sie als Schwesternvorschülerin ins Konitzkystift nach Bad Nauheim, wo sie zwei Jahre unter Darmstädter Diakonissen arbeitete. Das motivierte sie, im Januar 1952 die Diakonissenausbildung im Elisabethenstift in Darmstadt zu beginnen. Sie absolvierte einen Diakonischen Kurs und die zweijährige Krankenpflegeschule und war danach im Operationssaal des Krankenhauses des Elisabethenstifts eingesetzt. Im Januar 1960 wurde Charlotte Corday zur Diakonisse eingesegnet.

Da sich Schwester Charlotte mehr Kontakt mit den Patienten wünschte, wurde sie nach einem Stationsleitungslehrgang als Stationsleitung auf die chirurgische Frauenstation versetzt. Dort wirkte sie 18 Jahre lang bis 1982. Aus gesundheitlichen Gründen orientierte sie sich um und absolvierte 1982 in Stuttgart einen Lehrgang zum Desinfektor und zur Hygienefachkraft. Elf Jahre lang arbeitete sie erfolgreich als Hygienefachkraft in den drei Klinikfachbereichen des Elisabethenstifts.

Kontaktfreudig und reiselustig

Auch die Diakonisse Schwester Susanne Werner und Petra Pförsich, Verwaltungsleiterin der Stiftung Elisabethenstift, erinnern sich daran, „dass ihr die Unterweisung der Mitarbeitenden und der Unterricht in der Kranken- und Altenpflegeschule viel Freude bereitete. „Sie hatte für alle ein offenes Ohr“, sagt Wilma Grieser, die bis zum Tod von Schwester Corday im Oktober 2016 mit ihr in Kontakt blieb. Die Diakonisse nahm die junge Frau damals unter ihre Fittiche. „Sie nahm mich ins Theater mit. Ich kam aus dem Odenwald, im Theater war ich nie gewesen“, erinnert sie sich. Auch mit den anderen Schülerinnen, den Ärzten und Schwestern hielt sie Kontakt, wurde sogar Patentante einiger Kinder. „Auf unserer Station war alles sehr familiär.“ Wilma Grieser erinnert sich noch daran, dass jeden Abend für die Patientinnen gesungen wurde.

Schon den frühen 1970er Jahren reiste Schwester Charlotte durch die Welt, etwa nach Südeuropa und Ägypten oder mit dem Greyhound Bus quer durch die USA. „Das war zu dieser Zeit wirklich eine Ausnahme“, erinnert sich Wilma Grieser bewundernd. „Schwester Charlotte war interessiert, weltoffen.“ Und doch auch erdverbunden. In Darmstadt unterhielt sie einen eigenen Schrebergarten, wohl eine Erinnerung an ihre Zeit als Landarbeiterin und Hilfe in einer Gärtnerei. Auch hier, erinnert sich Wilma Grieser schmunzelnd, war alles perfekt, „das Gemüse stand wie eine Eins.“

Grüne Damen bis zum Achtzigsten

Weggefährtinnen loben ihr vorbildliches Engagement für das Krankenhaus und die Empathie für die ihr anvertrauten Menschen. Dazu passt, dass sie 1978 die evangelische Krankenhaushilfe, die Grünen Damen, auch nach Darmstadt ins Elisabethenstift holte. Ihr war das Wohlergehen ihrer Patientinnen wichtig. Bis zu ihrem 80. Geburtstag im Jahr 2010 übernahm sie sogar selbst als ehrenamtliche Einsatzleiterin die Organisation und Betreuung der „Grünen Damen“.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Charlotte Corday

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