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Sigrid Giesen

Sigrid Giesen wurde initiativ, um hilfsbedürftige Jugendliche und pflegebedürftige alte Menschen zu unterstützen. Berufliches und privates Engagement gehen bei ihr Hand in Hand. Sie hat ihre Vorstellung von einem würdevollen, gemeinschaftlichen Leben im Alter in die Tat umgesetzt.


Früh für die Pflege entschieden

Eigentlich hat sich Sigrid Giesen vorgenommen, mit fast 70 Jahren mal kürzer zu treten. Vielleicht einfach nur die Wohnung in ihrem Haus in Malsfeld-Beiseförth zu genießen, morgens auszuschlafen, statt Nachtdienste zu übernehmen, mal entspannt im Garten zu arbeiten oder mit Bewohner*innen am Mittagstisch zu sitzen. Kurz, sich wie eine Bewohnerin in ihrem eigenen Altenheim zu fühlen. Aber daraus wird wohl nichts. „Ich glaube, das funktioniert nicht“, lacht sie. „Meine Eltern hatten eine Landwirtschaft. Ich habe schon als Kind zwölf Stunden am Tag gearbeitet.“ Nichts tun, das passt nicht so recht zu dieser Frau, die nie Feierabend gemacht hat, nie einen Achtstundentag hatte, um danach das private Leben getrennt vom beruflichen zu genießen.

Schon mit 17 Jahren entschied sich Sigrid Giesen, die in Kierspe in der Nähe von Lüdenscheid aufwuchs, für die Pflege. Ursprünglich wollte sie Zahnarzthelferin werden, doch ihr Vater intervenierte. „Vermutlich, weil er Angst vorm Zahnarzt hatte“, scherzt sie heute. Sie wurde stattdessen examinierte Krankenschwester, arbeitete ein paar Jahre als Schwester und stellvertretende Stationsleiterin auf der Inneren Station in Wetzlar, später als Stationsleitung in Gevelsberg, und sie betreute auch ihre Mutter, als diese schwer erkrankte. Die Pflege, sagt sie, „hat mir immer Freude gemacht, und ich habe immer gerne junge Leute angeleitet, um ihnen das Gespür und den Sinn für diesen Beruf zu vermitteln.“

Das etwas andere Altersheim

Als junge Frau verbrachte Sigrid Giesen ein halbes Jahr in Spanien, unweit von Valencia. Sechs Monate Missionsarbeit in einem Freizeitheim. Sie half in der Küche mit. Christliche Arbeit war ihr wichtig, aber das Praktische lag ihr mehr als die Theorie. „Vorleben ist besser als reden“, sagt sie. Sie träumte davon, bis zu ihrem 30. Geburtstag Mutter eines SOS-Kinderdorfes zu sein. Doch daraus wurde nichts. Sie lernte ihren heutigen Ex-Mann kennen, bekam drei Kinder und kaufte mit ihm und einem Freund ein großes Haus in Malsfeld-Beiseförth. Statt ein SOS-Kinderdorf zu leiten, verwirklichten sie dort ihre eigene Vorstellung von einem sozialen Hilfsprojekt. Sie bauten eine Wohn- und Lebensgemeinschaft auf, die zunächst Jugendliche zurück in den Alltag begleitete und heute alte Menschen pflegt.

Sigrid Giesen gründete den „Verein Praktischer Lebenshilfe“, der mit der Betreuung von zwei, drei Jugendlichen begann und heute „ein etwas anderes Altenheim“ unterhält. Es begann mit zwei Kurzzeitpflegeplätzen für ältere Menschen, damit „die Angehörigen mal in Urlaub fahren konnten“. Als 1996 die Pflegeversicherung eingeführt wurde, erweiterte der Verein das Haus und bot auch vier vollstationäre Pflegeplätze an. Sigrid Giesen arbeitete oft rund um die Uhr. Sie pflegte, kochte, kaufte ein, putzte. Immer wohnten sie und ihre Familie mit im Haus. Die Kinder liefen so manches Mal nebenher, „und ich bin dankbar, dass sie ihren Weg gefunden haben“, sagt Sigrid Giesen. Die Tochter hat ebenfalls Krankenschwester gelernt und ein Studium in Pflegemanagement absolviert.

Familiäre Einrichtung

13 Einzelzimmer beherbergt das private Heim, in dem die Bewohner*innen und das Betreuungsteam, wenn möglich, gemeinsam kochen und an einem Tisch zusammen essen. „Wir sind noch immer eher eine Wohngemeinschaft denn ein Altenheim. Eine kleine, familiäre Einrichtung“, betont die 68-Jährige Mitbegründerin und Miteigentümerin. 17 Beschäftigte arbeiten hier in Teil- und Vollzeit, und seit Neuestem gibt es auch eine Begegnungsstätte, in der sich Mitglieder der Kirchengemeinde, Senioren, Haus- und Dorfbewohner*innen nachmittags treffen. „Das läuft gut und ist eine schöne Gemeinschaft“, findet Sigrid Giesen.

Geschrieben von Astrid Ludwig

Das Porträt als PDF finden Sie hier: Sigrid Giesen

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