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Solveigh Schneider

„Immer strebe zum Ganzen”

Durch ihr Wirken als Referentin hat sie zur Professionalisierung und Akademisierung des Berufsstandes beigetragen. Auf spitzenverbandlicher Ebene hat sie sich unermüdlich für bessere Rahmenbedingungen eingesetzt.

Sie kämpfte jahrzehntelang für immer besser qualifizierte Pflegefachkräfte und warb für mehr Akzeptanz des Pflegeberufs in der Gesellschaft. Als Verhandlungsführerin der rheinland-pfälzischen Spitzenverbände trat sie für bessere Pflege- und Arbeitsbedingungen ein. So stand Solveigh Schneider in der ersten Reihe, im Einsatz für das große Ganze. Dabei hätte sie es so viel einfacher haben können.

Einmal von der Hölle ins Paradies und zurück

Es standen Chirurgen gegen Anästhesisten, Ärzteschaft gegen Pflegepersonal und Oberschwestern gegen Schülerinnen – im Klinikum Mannheim arbeitete man in den sechziger Jahren eher gegeneinander, als gemeinsam. Diesen Missstand erkannte Solveigh Schneider noch in ihrer Ausbildung. Doch als sie ihn ansprach, wurde sie weder von der Schülervertretung noch von der Gewerkschaft unterstützt. Enttäuscht ging sie nach dem Examen, wie sie es nennt, „von der Hölle ins Paradies“: in die Schweiz. Zwei Jahre lang lernte sie in Zürich, wie die verschiedenen Disziplinen im Spital als Team arbeiteten, auf Augenhöhe und im offenen Umgang miteinander – und wie wunderschön der Pflegeberuf doch eigentlich sein konnte.

Diese Zeit prägte sie tief. Aber sie erkannte auch: Wenn ich etwas verändern will, dann werde ich das nicht von der dritten Reihe aus tun – ich muss an die Front. Also zurück nach Deutschland. Sie wurde Unterrichtsschwester, dann leistete sie Pionierarbeit in der Gemeindekrankenpflege und baute eine ökumenische Sozialstation auf. Schließlich war sie ab 1990 bei der Diakonie Pfalz landesweite Referentin für Altenpflege und Abteilungsleiterin. Solveigh Schneider hatte also Karriere gemacht, doch wie sie betont, nicht um der Karriere willen, sondern weil ihr der Pflegeberuf so sehr am Herzen lag. Es war das große Ganze, das sie antrieb.

Mit markigen Worten und einem Pflegeideal vor Augen

Als Referentin gab sie Fort- und Weiterbildungen. Ihr war es wichtig, dass Pflegende eine hohe fachliche Kompetenz mitbringen. Deshalb setzte sich dafür ein, dass Studiengängen für Anleitende und Führungskräfte in der Pflege eingeführt wurden. Sie hatte hohe Ideale für den Pflegeberuf: Man braucht nicht nur ein reiches Hintergrundwissen, hohe Empathie und ein gutes Gespür für die Bedürfnisse eines Patienten, sondern man muss auch seine Einschätzung vermitteln können, etwa gegenüber den Ärzt*innen sprachfähig sein und selbstbewusst auftreten. Es kommt also darauf an, einen Blick für das Ganze zu haben: für den ganzen Menschen, aber auch für die großen kollegialen und organisatorischen Zusammenhänge. So ein anspruchsvoller Beruf sollte hochgeachtet sein, forderte Solveigh Schneider.

Dieser Meinung waren nicht alle. „Andere Dienstleistungen werden selbstverständlich und entsprechend bezahlt – der Wert der qualifizierten Pflege wird von vielen nicht erkannt, sie darf nichts kosten“ weiß sie. Für die samstägliche Autowäsche ist man bereit, Geld hinzulegen, aber an der ambulanten Pflege wird am Wochenende schon mal gespart. „So wie die eigene Mutter manchmal aussieht, würde man sein Auto nicht dastehen lassen“ sagt Solveigh Schneider. Vielleicht waren es solche klaren und verständlichen, manchmal auch markigen Sätze, die man an ihr als Referentin schätze – unter den Kolleginnen galt sie als „besonders wortgewandt“. In ihren Seminaren hörte man ihr jedenfalls gerne zu.

Umgeben von Männern für bessere Pflegebedingungen

Seit 2010 war Solveigh Schneider die Vorsitzende der neugegründeten PflegeGesellschaft und damit Verhandlungsführerin der Wohlfahrtsverbände in Rheinland-Pfalz. Stundenlang rang sie um Pflegesätze, Gebührenordnungen und Seminarleistungen – der große Rahmen der Pflege- und Arbeitsbedingungen wurden hier politisch diskutiert. Dabei war das oberste Ziel von Solveigh Schneider: Als Pflegeverbände zusammenarbeiten, als geeintes Ganzes auftreten, es der Politik nicht erlauben, uns gegeneinander auszuspielen oder den Kuchen noch weiter zu zerbröseln.

Sie war eine der wenigen Frauen in einer Männerwelt. „Da sich jeder profilieren wollte, kam ich mir oft vor wie bei einer Autobahnauffahrt – man kann noch so lange blinken und wird doch nicht reingelassen.“ Solveigh Schneider verfolgte deshalb eine beobachtende Strategie: „Man musste sehr genau aufpassen in welche Lücke man reinfuhr. Es gehörte viel Geschick dazu, den Herren nicht die Vorfahrt zu nehmen.“ Die Lücke, das war für sie ihre fachliche Kompetenz und ihre Erfahrung. So verschaffte sie sich Respekt – man akzeptierte sie, nicht weil sie beim autoritären Gebaren mitgemacht hätte, sondern weil sie sich als Ergänzung zu den Männern positionierte.

Nach 24 Jahren bei der Diakonie ging Solveigh Schneider im April 2014 in den Ruhestand. Heute lebt sie in Speyer. Ihr Motto hat sie schon seit der Grundschulzeit. Es hat sich durch ihr ganzes Leben hindurch gezogen. Mit Friedrich Schiller sagt sie: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.”

Pdf- Dokument herunterladen: Porträt Solveigh Schneider

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